Hoc ăn, hoc nói – Der Mensch lernt essen, bevor er spricht

…ist ein vietnamesisches Sprichwort und ich kann hier am eigenen Leib erfahren, wie richtig dieser Satz ist und dies nicht nur in einer Hinsicht! Man stelle sich vor, ich käme erst mit ausreichenden Sprachkenntnissen an all die Köstlichkeiten der vietnamesischen Nahrungspalette, welch Katastrophe! Zwar werden meine Vietnamesischkenntnisse jeden Tag , oh Wunder, ein wenig (!) besser. Doch eine englische Speisekarte in den besseren Restaurants, bzw. der Zeigefinger in den Straßenrestaurants in Kombination mit Zahlen, die kann ich nämlich schon, erleichtern die Nahrungsaufnahme ungemein.

Schon in China hab ich immer alles probiert, was mir unter die Augen kam und einigermaßen essbar aussah. Nichts ist mir schlecht bekommen, aber ich habe viele Köstlichkeiten entdeckt. Genauso mache ich es hier und habe dabei schon viele Leckereien gekostet. Dabei ist es gleichgültig, ob dies in einer Straßenküche auf einem kleinen Stühlchen sitzend oder in einem besseren Restaurant geschah. Essen gehen auf der Straße ist relativ günstig, für 40.000 Dong, ca. 1,35 Euro, kann man gut satt werden. In Restaurants ist der Preisspanne nach oben natürlich kaum eine Grenze gesetzt. Doch in meinem Lieblingsrestaurant „Madame Hien“ bezahle ich für ein 3-gängiges Mittagsmenü ungefähr 200.000 Dong, hier bezahle ich natürlich auch den herrlichen Rahmen und die Ruhe mit.

Da ich mich auch an zunächst seltsam Aussehendes herantraue, werde ich oft mit Geschmackserlebnissen belohnt, die mir verborgen geblieben wären, hätte ich nicht den Mut zu Neuem gehabt. Die Büchsenmacher aus Atlanta haben sich sicherlich nicht vorgestellt, dass ihre Coladosen auch anderes als die süße Brause enthalten können… hier dienen sie als Kochgeschirr für kleine Hühner, denen vorher das Bäuchlein mit Kräutern gestopft wurde. Alsdann ein Dutzend Dosen in den Kochtopf und viele Stunden gegart. Wenn da mal Keime drin waren, sind sie so mausetot wie das Flügeltier. Serviert wird ohne Dose, das Fleisch fällt von den Knöchelchen. Gut zugegeben, das Hühnerhaupt habe ich sofort entfernt und in den Mülleimer unter den Tisch fallen lassen. Wir Westeuropäer wollen ja meist nicht  daran erinnert werden, dass unser Essen auch mal lebendig war und einen eigenen Kopf hatte.

Und manchmal darf es auch Gutes aus der Heimat sein…

Heute hatte ich ein tolles Erlebnis! Ich habe mich an einer Bushaltestelle mit zwei Vietnamesinnen unterhalten, wir haben eine Menge voneinander erfahren und das obwohl die beiden weder Deutsch, Englisch, Französisch noch Schwedisch sprechen. Es könnte natürlich an meinen überragenden Vietnamesischkenntnissen liegen… das wäre aber glatt gelogen. Zwar beherrsche ich mittlerweile ein paar wichtige Sätze und verstehe das eine oder andere Wort, doch Zusammenhänge erschließen sich mir noch lange nicht. Des Rätsels Lösung… die beiden waren gehörlos und wir haben uns in Gebärdensprache unterhalten. Es scheint, dass die Unterschiede zwischen der Gebärdensprache in Vietnam und der in Deutschland erheblich geringer sind als die zwischen Vietnamesisch und Deutsch. Wie schön!

Morgen verlassen wir Vietnam erst einmal… wir haben Urlaub und es geht nach Tarzali. Doch davon ein anderes Mal.

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Nationalfeiertag – eine Stadt sieht rot

Am 2. September war Nationalfeiertag, denn am 2. September 1976 wurde die Sozialistische Republik Vietnam gegründet.

Ich hatte einen sehr „netten“ Artikel dazu geschrieben, doch leider ging er nicht durch die Zensur. Meine schmunzelnd-kritische Art die Welt zu sehen, selbst, wenn ich nichts als die Wahrheit sage, kann in einer Diktatur durchaus unangenehme Folgen haben. So bin ich nun selbst einmal in die Situation gekommen, mir einen Mundkorb zu verpassen. Das gefiel mir garnicht und hat mir erst einmal den Wind aus den Segeln, bzw. aus dem Blog genommen.

Weiter unten nun also mein ziemlich modifizierter Text, frei von jeglichem Biss und Augenzwinkern. Schade! Seht es mir nach. Ich arbeite beim Staatsfunk…

Nationalfeiertag… so konnte man in den letzten Tagen gut beobachten, wie sich die Stadt ein wenig veränderte. Überall tauchten plötzlich an den Häusern rote Flaggen auf. Ob man von der Flaggendichte auf die Menge der jeweiligen Parteimitglieder im jeweiligen Wohnbezirk schließen kann?

In unserem Wohngebiet war recht spärlich geflaggt, was wohl an der großen Zahl von Ausländern hier liegt. Jedoch wohnen wir hier nicht im „Westler“-Viertel. Am Westsee in Hanoi ballen sich die Europäer und Amerikaner. Hier in der Gegend dominieren die Koreaner, Japaner und  natürlich Einheimische. Für uns war der Feiertag ein willkommener Ruhetag, ein Tag, an dem man sich ganz sicher nicht ins Gewühl der Stadt begibt. Für die Vietnamesen ist das freilich anders. An freien Tagen, an Feiertagen, wird selten die Ruhe gesucht, sondern mit der ganzen Familie möglichst etwas unternommen. Das waren am 2. September die Feierlichkeiten vor dem Ho Chi Minh Mausoleum, aber auch Ausflüge in große Einkaufszentren. Wir können das sehr gut an unserem Wohnsitz beobachten. Wir wohnen in einer Anlage, an die eine große Shopping Mall (ich benutze absichtlich dieses gruselige Wort, aber dies trifft genau den Inhalt!) angeschlossen ist. Für uns ist das insofern praktisch, als unten im Untergeschoß ein großer Supermarkt ist, der unsere Grundbedürfnisse deckt. Supermärkte sind hier in Vietnam rar gesäht. Dazu werde ich in einem späteren Beitrag noch ausführlich schreiben…. Am Abend, am Wochenende und an Feiertagen ist das Einkaufszentrum immer knallvoll, ganze Familien sind unterwegs und nehmen die Warenpalette in Augenschein. Die Kinder erfreuen sich am Marmorfussboden, auf dem dem man herrlich schlittern kann und Süßigkeiten fallen für sie auch immer ab. Zudem werden hier immer allerlei Veranstaltungen angeboten, Kinderspieltage,  Modelwettbewerbe, öffentliche Kochkurse (koreanische Küche!) und vieles mehr. Alles hat Eventcharakter, noch so ein Wort, dass es genau trifft. Ich vermute mal, dass es bei uns in den 60er Jahren, als z. B. das Main-Taunus-Zentrum seine Pforten geöffnet hat,  auch nicht viel anders war. Auch viele unserer Eltern sind mit uns sonntags zum Schaufensterbummel in die Städte gezogen, oder?