Chữ Quốc Ngữ – Vietnamesischunterricht – Wer quält hier wen?

Cháo các ban! Hallo!

Letzten Freitag hatte ich meine ersten beiden Unterrichtstunden in Vietnamesisch bei Ms. Luong Le. Die Arme ist Vietnamesischlehrerin für Ausländer an der Uni, aber sie gibt auch Privatunterricht, so wie mir. Das im Verhältnis recht hohe Gehalt, welches sie bekommt, kann man auch als Schmerzensgeld verstehen. Warum? Weil sie sich viele Stunden am Tag die gruselige Aussprache von Sprachanfängern anhören muss und auch Fortgeschrittene oft noch weit davon entfernt sind, beim Sprechen immer den richtigen Ton zu finden. Ich kam kürzlich mit einer niederländischen Sprachheilpädagogin ins Gespräch, die 2,5 Jahre hier gelebt und gearbeitet hat. In meinen Ohren klang ihr Vietnamesisch recht gut, doch erzählte sie mir, dass man ihr am Bahnhof gerade eine falsche Fahrkarte verkauft habe, obwohl sie der Auffassung war, alles richtig ausgesprochen zu haben…

Ich bin ja nicht gerade unbegabt, was Sprachenlernen betrifft und selbst das Chinesische, welches ja auch eine Tonsprache ist, kam mir irgendwann ein wenig näher. Zumindest so nah, dass man mich im Alltag verstand. Klar, dass ich keine Gespräche über chinesische Religionsphilosophie führen konnte, aber es ging mir ja damals auch mehr um grundlegende Kommunikationsstrukturen… wie benehme ich mich gut und höflich, wie krieg ich was zu essen, wie komm ich irgendwo hin, wie kauf ich etwas zu einem vernüftigen Preis. Das hat irgendwann geklappt. Mitunter war ich sogar in der Lage Gesprächsfetzen aufzuschnappen und in sinnvolles Raster zu fügen, was heißt, ich hab sogar etwas verstanden.

Im Moment zweifele ich noch sehr daran, dass das hier jemals der Fall sein wird. 120 Minuten hat mich Luong mit Ausspracheübungen, frei von jeder Didaktik, gequält. Bei manchen Lauten blieb mir der Artikulationsort ein großes Geheimnis. Wie bläht man bei geschlossenem Mund, leicht gespitzen Lippen, die Wangen, aber nur unmittelbar neben den Mundwinkeln, auf. Rätselhaft.

Um euch einmal ein Beispiel zu geben. Das Alphabet Quốc Ngữ umfasst die 29 Buchstaben [a], [ă], [â], [b], [c], [d], [đ], [e], [ê], [g], [h], [i], [k], [l], [m], [n], [o], [ô], [ơ], [p], [q], [r], [s], [t], [u], [ư], [v], [x] und [y].

Dies sind die vietnamesischen Vokale:

a offenes und langgezogenes a wie in Vater oder Aas
ă ähnlich a wie in Ass
â im Dt. unbekannt
e halboffenes e, ähnlich Wetter (wie ä)
ê halbgeschlossenes e
i, y ähnlich dem deutschen i
o ähnlich dem o in Torte
ô ähnlich dem o von Ton
ơ ähnlich dem u im englischen fur
u ähnlich dem u von Kuss
ư u mit breiten Lippen, im Dt. unbekannt; sehr ähnl. türk. ı und russ. ы

So weit so gut, jetzt kann aber fast jeder Vokal in einer Silbe durch ein gegebenes Tonzeichen anders gesprochen werden. Wird nicht der richtige Ton getroffen, ist das Gesagte unverständlich! Richtig unverständlich!

Die sechs Töne

Quelle:http://de.wikipedia.org/wiki/Vietnamesische_Schrift

Alles klar? Ms. Luong sagt (positiv ausgedrückt) schlicht und einfach, dass es nichts nütze Worte verstehen zu können, wenn man sie nicht richtig ausspreche. Das heißt (negativ ausgedrückt), sie wird mich so lange mit Artikulation quälen, bis ich endlich die richtigen Töne spucke. Ich weiß, ich mach es ja freiwillig, aber, wenn ich ehrlich bin, so richtig Lust auf die nächsten Stunden hab ich nicht. Nun aller Anfang ist schwer!

Zumindest hilft Fleiß beim Vokabellernen dabei, meine Lesefähigkeiten stetig zu erhöhen… dafür braucht man keine Aussprache! Hoan hô (hurra!)!

Cháo các ban! Tschüss! (Das heißt es auch, doch so ist es nur für Freunde gebräuchlich, ich bin faul und habe mir alle anderen Anreden erspart… dazu später mehr!)

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Me Tri Tu Liem My Dinh – so wohnen wir – Blick aus dem Fenster

Vietnam ist in mancher Hinsicht ein ebenso kontrastreiches Land wie China. Meine Erfahrungen aus Jinan erleichtern mir das Leben hier ungemein. Eine meiner liebsten Übungen in China war der Blickwechsel. Diese Übungen kann ich hier fortsetzen: mein Blick fällt auf unser Wohngebäude. Es sieht bombastisch aus, exklusiv, teuer, gut, man sollte nicht ganz genau schauen, denn Gebäude haben hier im Vergleich zu daheim eine andere Lebensdauer… ich drehe mich um und sehe einfache Behausungen mit Wellblechdach, umgeben von Unrat. In China stand ich einmal hinter einem 5-Sterne-Hotel und neben mir war die Pappbehausung eines Behinderten, der auf der Straße lebte…

Die Gegensätze hier sind  zwar nicht so extrem wie in China,  doch immer noch recht beachtlich. Den ersten roten Rolls-Royce meines Lebens habe ich letzte Woche hier gesehen!
Ich lebe hier natürlich auch nicht wie der Otto-Normal-Vietnamese und dafür bin ich sehr dankbar. Ich benötige  mitunter einfach Ruhe und das Gefühl die Welt draußen auch draußen zu lassen. Hier in Me Tri ist es erheblich ruhiger als mitten in der Stadt, doch so wirklich Ruhe ist hier natürlich nie. Auch in der Wohnung höre ich noch das Gehupe auf der Straße… Noch könnte man sagen, dass wir hier am westlichen Stadtrand leben, doch ich glaube nicht, dass das hier noch lange Stadtrand bleiben wird, wenn ich all die Baukräne sehe. Die Stadt wächst unaufhörlich, was auch damit zu tun hat, dass der Lebenstandard steigt und damit auch die vom Einzelnen beanspruchte Quadratmeterzahl.                                                                                   Bis in die Stadt brauche ich  mit dem Bus normalerweise, je nach Tageszeit und Zielort 30 Minuten bis eine Stunde. Ich habe noch keinen Vietnamesen gefunden, der versteht, warum ich Bus fahre. Ich könnte doch alle Strecken im Taxi zurücklegen oder auf den Fahrer zurückgreifen. Aber gerade das Busfahren hat es auch schon in China spannend gemacht, denn der Bus nimmt eben nicht die kürzeste Route und ich liebe diese Entdeckungsreisen, bei denen ich Gegenden, Situationen, Menschen und Dinge sehe, die mir sonst verborgen geblieben wären. Manchmal steige ich einfach in unbekannte Linien und schau, wohin ich getragen werde… es gibt ja schließlich einen Bus zurück!                                                                                                                   Hier meine Monatskarte. 80.000 Dong kostet sie, das entspricht in etwa 2,67 Euro.

Angekommen – eingelebt!

Kaum zu glauben, dass ich erst 16 Tage hier bin. Das Eingewöhnen verlief schneller als erwartet. Was habe ich nicht schon alles in dieser Zeit gemacht und erlebt:

Besitze Handynummer, Internetanschluss, Busmonatskarte, Bibliothekskarte für das Goethe-Institut (das reicht für das Jahr!!!), Jahresmitgliedschaft Fitnessclub (Schwimmbad!!!). Dann habe ich schon so meine kleinen Plätze, das heißt Orte, an denen ich mich wohlfühle und in diesem Gewusel der Stadt ausruhen kann, gefunden. So z. B. das Café Espace des französischen Kulturinstituts, ein kleines vietnamesisches Restaurant mit leckerer Nudelsuppe oder ein tolles indisches Restaurant etc. Einfach Plätze, wo man vor einem Ventilator bzw. klimatisiert sitzen kann und das pralle Leben draußen an einem vorbeizieht, während man einen leckeren vietnamesischen ca phe trinkt, einen Kokosnusssaft oder sich durch fremdländische Küchen probiert.

Das Beste: ich hab einen (Teilzeit-)Job!!!!!!! Das vietnamesische Radio, VOV, Voice of Vietnam oder auch Stimme Vietnams sendet jeden Tag in deutscher Sprache. Und jeden Tag wieder übersetzen Vietnamesinnen, die klasse Deutsch sprechen, in Wahnsinnstempo eine Vielzahl von Reportagen, Beiträgen und Nachrichten. Einige Deutsche, die hier leben, unterstützen deren Arbeit durch Korrekturen und Ausspracheübungen. Das Tolle dabei, man ist jeden Tag auf dem aktuellen Stand und man erfährt viel über das, was in der vietnamesischen Presse berichtet wird. Auch das gibt einen guten Einblick in die vietnamesische Gesellschaft. Außerdem fühl ich mich dann nicht so sehr nur als Touristin, für die ich natürlich überall gehalten werde!

Mein Vietnamesischunterricht beginnt am Freitag, endlich, denn es fühlt sich nicht gut an alles falsch auszusprechen. War Chinesisch schon eine Herausforderung, so ist es das Vietnamesische in meinen Augen (und Ohren!!!) noch erheblich mehr. Noch mehr Töne als Chinesisch und die Betonungszeichen bringen mich noch ganz durcheinander.

VOV:

http://de.wikipedia.org/wiki/Stimme_Vietnams

Podcast:

http://www.radio700.info/index.php?option=com_content&view=article&id=74&Itemid=82